Die Kanzlei 73 nimmt Abschied von unserem Mitgründer und Namensgeber Hartmut Wächtler. Er verstarb am 23. Dezember 2025 nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren.
Der vertraute Ruf „Bin im Knast", den Hartmut Wächtler so oft beim Verlassen der Kanzlei durchs Büro rief, werden wir nun nicht mehr hören. Er bleibt uns aber in wacher Erinnerung. Schweigendes Nachkriegsdeutschland, der große Schatten eines Nazi-Vaters, den er nie kennenlernte, aber über den er offen sprach, bewegte und bewegende 68er, der Stempel des „Terroristen- und RAF-Anwalts" - leicht hatte es Hartmut Wächtler in seinem Leben privat und beruflich nicht. Ebenso hatten es andere nicht immer leicht mit ihm – ob Gegner:innen im Gerichtssaal oder das ein oder andere Mal auch die eigenen Freund:innen, Mitstreiter:innen, Lebensbegleiter:innen und Kolleg:innen. Wir alle durften ihn als eine besondere Person, als einen Kämpfer mit Ecken und Kanten, kennenlernen.
Wer war Hartmut Wächtler? Ein Rückblick.
Für die einen war er „linker Bürgerrechtsanwalt", der sich für von der Justiz verfolgte Menschen einsetzte, für die anderen ein „Terroristen- und RAF-Anwalt" – Hartmut Wächtler war in seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt stets umstritten. Für ihn selbst war der Auftrag seiner Arbeit klar, so formulierte er es in seinen Erinnerungen 2018: „widerständigen Menschen" die Möglichkeit zu geben, „die Konfrontation mit der Justiz durchzustehen, ohne daran zu zerbrechen".
Es waren maßgeblich die 68er Jahre, die ihn prägten: Wächtler, der ursprünglich Anwalt für Verwaltungs- oder Mietrecht werden wollte, änderte seine Meinung durch die Studentenproteste, an denen er sich aktiv beteiligte. An der juristischen Fakultät der damals stockkonservativen Münchner LMU, wo er studierte, lehrten zu diesem Zeitpunkt weiterhin Professoren, die ihre Karriere in der NS-Zeit begonnen hatten und diese nun in der noch jungen Bundesrepublik als „brave Demokraten" fortsetzten - meist nicht dazu bereit, sich über ihre Vergangenheit zu äußern, geschweige denn sich damit auseinanderzusetzen. Hartmut Wächtler sowie zahlreiche seiner Komiliton:innen politisierten sich stark. Als Mitglied des Liberalen Studentenbundes Deutschlands (LSD), einer „linken undogmatischen Studentengruppe", wie es Wächtler selbst beschrieb, und aktives Mitglied der Außerparlamentarischen Opposition (APO) leistete er in politischen Strafverfahren gegen Kommiliton:innen und Demonstrierende Rechtshilfe. „Die Erfahrung, dass ich dort etwas Nützliches mit meinem Studium anfangen konnte, brachte mich dazu Strafverteidiger zu werden", hielt er später er in seinem Buch „Widerspruch" fest.
Gleich nach dem Erhalt der Zulassung als Rechtsanwalt gründete Hartmut Wächtler 1973 zusammen mit Annemarie Gaugel, Wolfgang Bendler und Wolfgang Kisch die Kanzlei „Wächtler und Kollegen". Wenige Jahre später schlossen sich Thomas Hessel und Hubert Heinhold an.
Einer der für Wächtler wohl prägendsten Fälle, sein erstes größeres Verfahren nach gerade einmal einem halben Jahr im Beruf, war die Verteidigung seines Freundes und Kommilitonen Rolf Pohle in den Jahren 1973 und '74. Pohle war für seine Aktivitäten in der Rolle als Studentenführer bei den Osterunruhen 1968 in einem fragwürdigen Verfahren zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monate ohne Bewährung verurteilt worden, was diesen seine juristische Karriere kostete und seinen weiteren Lebensweg vorzeichnete. Später warf man ihm Unterstützung der RAF vor, er wurde zu 6 ½ Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der Lorenz-Entführung 1975 wurde er freigepresst und 1976 aus Griechenland überstellt. Wächtler versuchte vor dem höchsten griechischen Gericht, dem Aeropag, dies zu verhindern, was ihm zunächst gelang. Nachdem aber die Bundesregierung den damals geplanten EU-Beitritt Griechenlands in Frage stellte, würde Pohle nicht ausgeliefert werden, wurde dieser in Deutschland zu weiteren 3 ½ Jahren Haft verurteilt. „Wächtler hielt alle Verfahren damals für unfair," sagt sein Freund und langjähriger Kollege Hubert Heinhold.
Später folgten unzählige weitere Fälle, gerade zu Beginn seiner Karriere verteidigte Hartmut Wächtler Mandant:innen, die von der Justiz verfolgt wurden, weil sie versucht hatten, Widerstand zu leisten, beispielsweise gegen den Vietnamkrieg, die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland, die Karriere von Altnazis in deutschen Universitäten oder auch die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Er gab Rechtsrat für das Verhalten vor und nach einer Festnahme, besuchte Inhaftierte in Polizeigewahrsam und Gefängnissen und übernahm schließlich deren Verteidigung. Dabei war sein Credo stets klar und unmissverständlich: Widerstand ist gerechtfertigt, notwendig und geht auf Artikel 20 des Grundgesetzes zurück. Für ihn galt es, dem Angeklagten als institutionell schwächer gestelltem, Hilfe und Beistand gegen staatliche Übermacht zu leisten. Der Vollständigkeit halber seien hier zudem einige seiner weiteren bekannten politischen Fälle genannt: Hanns Marzini, der „Tennō-Prozess" in Bonn, der Fall der linksradikalen Münchner Aktionsgruppe „Freizeit 81", der Fall der EMMA-Redakteurin Ingrid Strobl, Fritz Gildemeier, „Das Blatt", „Werkstattkino" u.v.m. Später in den 1980er-Jahren folgten auch herkömmliche Kriminalfälle, Sittlichkeitsdelikte, Drogen- und Körperverletzungsverfahren sowie Mord- und Totschlagsfälle.
Wächtler war Gründungs- und Vorstandsmitglied des Republikanischen Anwälte und Anwältinnen Vereins (RAV) der Initiative Bayerischer Strafverteidiger:innen, der Strafverteidigertage und zudem Initiator der Fachzeitschrift „Strafverteidiger". Er wirkte als Sachverständiger in Landtagen und im Deutschen Bundestag, sowie als Richter beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof. Für ein paar Jahre war er dafür zuständig, Polizeischüler mit den Feinheiten des Versammlungsrechts vertraut zu machen. „Vielleicht wurde auch erkannt, dass der Beitrag der 68er-Generation nicht nur Krawall und später Gewalt war, sondern auch eine Stärkung der in Deutschland noch jungen Demokratie", merkte er dazu später mit etwas Stolz an.
Seine Kolleg:innen und Wegbegleiter:innen nannten ihn einen „großen, klugen, leidenschaftlichen und streitbaren Anwalt und Strafverteidiger" sowie einen „radikalen Demokrat und Antifaschist, mit scharfem Verstand und Humor". Hubert Heinhold, langjähriger Kanzleipartner und Freund, beschreibt ihn als einen hartnäckigen und zähen Verteidiger, der Konflikten nicht aus dem Weg ging. Hartmut Wächtler war ausgeprägter Individualist, gleichzeitig schätzte er Geselligkeit. Legendär waren die wöchentlichen Sitzungen in der Kanzlei, in denen sich nicht nur fachlich ausgetauscht wurde, sondern auch über die Weltlage engagiert diskutiert und laut gestritten wurde. Anschließend ging man gemeinsam essen. So entstanden Freundschaften – um es mit den Worten des von Wächtler in seiner Jugend exzessiv gelesenen und hochgeschätzten Kurt Tucholsky zu sagen: Freundschaft ist wie Heimat.
Er pflegte die Erfolge seiner Kanzleipartner:innen genauso wie seine eigenen zu feiern und sorgte für ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Kanzlei, insbesondere indem er sich für eine gleichmäßige Verteilung der Erträge einsetzte: Es wurde allen gleich viel ausgezahlt, unabhängig davon, wie viele und welche Fälle sie bearbeitet und was sie erwirtschaftet hatten. Nur so war es möglich, dass Stück für Stück auch weitere Rechtgebiete aufgebaut werden konnten, wie z.B. das Migrations- und Ausländerrecht, das inzwischen zum Schwerpunkt der Kanzlei wurde.
An einem kalten Februartag, es ist kein Jahr her, habe ich Hartmut Wächtler am Odeonsplatz auf einer Demonstration gesehen. Zwei Jahre nach dem Zusammenstoß zweier Züge in Griechenland, bei dem 57 junge Menschen ums Leben kamen, war die Unfallursache immer noch nicht aufgeklärt worden. Mit einem Generalstreik in Griechenland und Demonstrationen auf der ganzen Welt erinnerten die Griechen an das Unglück und verlangten nach Aufklärung. Die Proteste richteten sich gegen Vertuschung in den Untersuchungen. Er war auch dabei, unterhielt sich mit älteren Herrschaften mit schütterem grauem Haar. Seine Bindung zu Griechenland aus den 1960er und 70er Jahren (als er gegen die Militärjunta mitdemonstrierte, Exilgriechen in Schutz nahm oder selbst vor dem griechischen höchsten Gericht über die Haftbedingungen seines Freundes Rolf Pohle aussagte), kam auch hier wieder zur Geltung.
Noch bis einige Wochen vor seinem Tod kam Wächtler in die Kanzlei, um ausgewählte Fälle vorzubereiten. Mehr als 50 Jahre nach Gründung, sind wir auch heute noch unter dem stolzen Namen „Wächtler und Kolleg:innen", ergänzt mit dem Gründungsjahr als „Kanzlei 73", aktiv. Ich erinnere mich an seine Antwort auf die Frage, wie sich das Profil der Kanzlei im Laufe der Jahre geändert habe: „Auch wenn sich das Profil geändert hat, sind weiterhin die Rechte, auch die Bürgerrechte der Mandant:innen, notfalls mit aller Schärfe zu verteidigen. Dazu sind wir da und so soll es auch bleiben." Die Kanzlei, seine Kanzlei, ist sich in allen Fachabteilungen darüber einig und diesem Vorsatz treu.
Gute Reise Herr Wächtler, der Geist des Widerspruchs bleibt lebendig!
Zum Nachruf der Süddeutschen Zeitung